Start Meinung Apple Vision Pro für Messen und Events?

Apple Vision Pro für Messen und Events?

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Wie könnte die Apple Vision Pro – vom Unternehmen selbst als räumlichen Computer bezeichnet – als Datenbrille oder VR-/AR-Headset für Messen und Events genutzt werden? Wir haben nachgefragt und Antworten von Prof. Dr. habil. Philipp A. Rauschnabel von der Fakultät für Betriebswirtschaft an der Universität der Bundeswehr München und Social Sciences, Economics and Business Administration an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg bekommen.

Die Vision Pro mit der Anmutung der eleganten Variante einer Taucherbrille soll nahtlos digitale Inhalte mit der physischen Welt verbinden. Sie schafft dafür eine „unendliche Arbeitsfläche“ für Apps, die über die Grenzen eines traditionellen Displays hinaus geht, sowie eine dreidimensionale Benutzeroberfläche, die mit den Augen, den Händen und der Stimme der Nutzer gesteuert wird. Mit dem eigenen Betriebssystem visionOS soll die Apple Vision Pro den Anwendern ermöglichen, mit digitalen Inhalten auf eine Art zu interagieren, die so wirkt, als seien die Inhalte physisch mit ihnen im Raum.

Die Apple Vision Pro hat ein Displaysystem mit ultrahoher Auflösung, das 23 Millionen Pixel auf zwei Displays unterbringt. Es ist so konzipiert, dass jedes Erlebnis wirkt, als ob es in Echtzeit vor den Augen der Anwender stattfindet. Um das zu erreichen, hat sich Apple einiges einfallen lassen.

StageReport: Wie bewerten Sie die technischen Lösungen der Apple Vision Pro?

Philipp Rauschnabel: Kurz gesagt: bahnbrechend. Zumindest wenn man bedenkt, dass es sich um die erste Version der Brille handelt und die Mitbewerber zum Vergleich heranzieht. Apple hat kein anderes Gerät kopiert, sondern sich von Grund auf nutzerzentriert der Vision nachhaltiger XR-Erlebnisse verschrieben – übrigens schon seit Jahren.

StageReport: Was sind die Benefits von Apple Vision Pro im Vergleich zu den Wettbewerbsprodukten?

Philipp Rauschnabel: Neben den technischen Spezifikationen, bei denen Apple praktisch alle Mitbewerber übertrumpft, ist das Design zu nennen sowie die Funktion, die Augenpartie des Nutzers für andere Personen in der Umgebung sichtbar zu machen. Das können bisher nur so genannte Optical See-Through Displays, wie wir sie beispielsweise von der Microsoft Hololens oder der xreal-Brille (ehemals Nreal) kennen. Diese haben aber noch den Nachteil, dass das Sichtfeld recht klein ist und Farben oder Kontraste nicht so gut dargestellt werden können. Video See-Through Displays (auch: Passthrough Modus) gibt es auch von anderen Anbietern. Diese sind aber oft nicht wirklich überzeugend, haben leichte Latenzen und sind vor allem nicht transparent. Auch das Headset von Apple ist nicht transparent, hat aber auf der Vorderseite ein Display, das die Augenpartie des Nutzers zeigt – zumindest, wenn andere Personen in der Nähe sind. Das nennt man ‚reverse passthrough‘, Apple nennt es EyeSight.

Vision Pro mit Akku (Foto: Apple)

StageReport: Was sind die Zielgruppen von Apple Vision Pro?

Philipp Rauschnabel: In diesem frühen Stadium sind dies die Entwicklergemeinschaft und Unternehmen. Also außer ein paar Enthusiasten noch keine Privatpersonen. Die kommen frühestens in der zweiten oder dritten Generation. Letztlich ist das ein ganz typisches Vorgehen bei der Einführung neuer Technologien. Aber wenn man sich die Visionen von Tim Cook anschaut, kann man davon ausgehen, dass sie AR so etablieren wollen wie Smartphones – als unverzichtbar im Alltag. Das wird aber noch dauern – beim Smartphone hat es auch ein paar Jahre gedauert.

StageReport: Für welche Use Cases ist das Headset positioniert: VR, AR, Metaverse, Medienproduktion, Office-Anwendungen . . .?

Philipp Rauschnabel: Apple hat in der Keynote zahlreiche Use Cases ‚angeteasert‘ und damit gezeigt, dass das Headset das Potenzial hat, eine Vielzahl von Bedürfnissen zu befriedigen. Socializing, Arbeit, Simulation, Entspannung, Gesundheit, Zusammenarbeit, Unterhaltung et cetera. Viele der Beispiele waren noch recht unspektakulär, zum Beispiel ein Microsoft Office Fenster im Raum zu platzieren. Spannend wird es dann, wenn sich die Potenziale von AR stärker entfalten – wenn ein zweidimensionales Diagramm in Excel plötzlich in 3D lebensgroß neben einem steht und ein Team von Analysten gemeinsam über diese Daten diskutieren kann,

Den Begriff Metaverse hat Apple bewusst vermieden. Zu stark ist die Assoziation mit dem Konkurrenten Meta und dessen noch überschaubaren Erfolgen in VR-Welten. Apple setzt in erster Linie auf AR – also die Einbettung virtueller Inhalte in die Umgebung – und weniger auf VR. Die Vision Pro wird aber auch VR können.

StageReport: Wie fügt sich die Nutzung des Headsets in ‚Alltagsumgebungen‘ wie Home Offices, Studios, Messen, Veranstaltungen, Museen oder öffentliche Räume ein? Anders gefragt: Ist die Vision Pro alltagstauglich?

Vision Pro (Foto: Apple)

Philipp Rauschnabel: Sie ist noch nicht alltagstauglich. Der externe Akku, der hohe Preis, noch wenige echte Killerapplikationen und so weiter: das braucht Zeit. Im Enterprise Bereich wird man hier schneller Erfolge erzielen können. Für den privaten Bereich fehlen aus meiner Sicht auch noch die Individualisierungsmöglichkeiten. Das Gerät muss ja auch zu meinem Stil passen. Aber das wird sicher kommen.

Ein großes Potenzial liegt in der Tat im Messe- und Eventbereich. Messebauer könnten beispielsweise 3D-Modelle ihrer Stände auf die Brille projizieren und das Personal beim Aufbau unterstützen. Agenturen könnten einen virtuellen Messestand in Originalgröße auf einer freien Fläche platzieren und mit ihren Kunden diskutieren. Auf Messen selbst lassen sich mit AR komplexe Produkte besser erklären. Aussteller könnten demnächst Brillen am Stand auslegen und den Besuchern die Nutzung ermöglichen – das wäre ein Publikumsmagnet. Spannende Use Cases sind der ‚Röntgenblick‘ in komplexe Produkte oder Unterhaltungsinhalte. Einige Messeagenturen experimentieren bereits mit solchen und ähnlichen Use Cases und können auch Erfolge vorweisen. Die neue Brille dürfte diese Aktivitäten beflügeln. Das merken wir auch daran, dass wir immer mehr Anfragen von Agenturen bekommen, die mehr über die Potenziale von XR auf Events wissen möchten.

StageReport: Welche Auswirkungen hat das auf den mittlerweile deutlich abgeklungenen Hype um das Metaverse und die Nutzung von Avataren?

Philipp Rauschnabel: Bei dem Begriff Metaverse denken wir fälschlicherweise oft nur an skurrile Avatare in einer VR-Welt. Das liegt ein wenig an den Marketingaktivitäten von Facebook, aber vor allem an den vielen Anbietern von VR-Lösungen, die plötzlich alle von ‚Metaverse‘ sprechen. Die eigentliche Vision des Metaverse ist aber viel größer, zum Beispiel dass das Internet dreidimensional wird, Machtstrukturen verschwinden und Eigentum möglich wird. AR und VR – aus meiner Sicht aber vor allem AR – sind die Zugänge dazu. Vergleichbar mit dem Smartphone als Zugang zum Internet. Ich könnte zum Beispiel in München durch die Innenstadt gehen und einen guten Freund virtuell bei mir haben. Er wäre dann im VR-Modus bei mir, ich würde ihn aber im AR-Modus bei mir sehen. Quasi als Avatar. In einer Mirror-World.

Apple verzichtet auf den Begriff Avatar und spricht von einer Digital Persona – also einem möglichst realistischen Abbild einer Person statt einer fiktiven Person. Das schließt nicht aus, dass man über eine Apple-Brille auch eine Anwendung nutzen kann, in der man als fiktive Person agiert. Apple will aber deutlich machen, dass sie ‚mehr‘ können als ‚nur‘ fiktive Personen. Die Technologie dafür werden sie haben.

Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in absehbarer Zeit zunehmend ein dreidimensionales Internet haben werden. Es wird das klassische Internet nicht ersetzen, so wie auch das Web 2.0 die statische Website nicht vollständig verdrängt hat. Ob es dann Spatial Web, Metaverse oder wie auch immer heißen wird – und wie es im Detail aussehen wird – wird sich zeigen, und auch das wird nicht statisch bleiben. Wir sprechen heute auch nicht mehr vom Daten Highway oder Cyberspace, den Buzzwords des Internets aus den 90ern.

StageReport: Mit dem Produkt reflektiert Apple sowohl auf den Consumer-/Gamer-Markt als auch auf den Pro-Markt. Lässt sich dieser Spagat bei einem angekündigten Preis von rund 3.500 Dollar umsetzen?

Philipp Rauschnabel: Auf lange Sicht nicht. Der erste Schritt ist, die Technologie zu testen und das Ökosystem aufzubauen, also Apps, die die Möglichkeiten von AR und VR nutzen und den Menschen einen echten Nutzen bieten. Mittelfristig wird der Preis sinken, und ich gehe auch davon aus, dass es neben der Pro-Version auch eine günstigere Variante geben wird. Das erste iPhone war ja auch kein Massengerät.

StageReport: Apple kam mit seinen Produkten häufig nicht als erster Anbieter auf den Markt, dafür dann aber mit einem attraktiven Angebot inklusive ‚Will-haben-Reflex‘. Könnte die Vision One ebenfalls zum Katalysator für neue technologische Entwicklungen werden?

Philipp Rauschnabel: Genau – Apple schaut sich den Markt lange an, lernt aus den Fehlern der anderen, baut Wissen auf, auch durch Zukauf von IP, und ist dann erfolgreich. Quasi: Die zweite Maus kriegt den Käse. Eine starke Marke, gutes Design und eine loyale Community helfen zusätzlich. Die anderen Player passen sich dann an und versuchen meist über den Preis zu punkten. Auch hier hilft der Vergleich mit dem Smartphone – das iPhone war keineswegs das erste Smartphone, hat dann aber den Standard für alle anderen gesetzt.

StageReport: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.